Apokalypsenresistenz

Offenbarung 1, 1-8
Soviel mal vorne weg: Sie sind mir suspekt, die Apokalypsen. Egal, ob von Henoch oder Johannes. Nur mit ganz viel Allegorese halte ich sie für beschränkt genießbar. Denn: es geht uns gut.
Es war sowieso eine recht knappe Entscheidung, dass die Apokalypse des Johannes es mal eben so in den Kanon geschafft hat. Selbstverständlich war das nicht.
Überhaupt kann ich mir gar nicht so recht vorstellen, wie es zu diesen Visionen kam. Herrschte auf Patmos eine derartige Reizarmut vor? Oder wuchsen da irgendwelche halluzinogenen Pilze? Man weiß es nicht.
Und nun nennt mich nicht pietätlos. Auch der olle Luther hat über so manchen neutestamentlichen Brief herzlich abgelästert.
Denn es gilt auch weiterhin: Die Bibel kann das ab.

Figurprobleme

Galater 6, 11-18
Paulus ist und bleibt für mich eine faszinierende Person. Welch ein Mix aus Allzumenschlichem und göttlich-genialen Geistesblitzen. Immer wieder eine gute Inspiration, manchmal ein Riesenärgernis.
Welch ein schönes Ziel: Darauf verzichten, vor der Welt eine gute Figur machen zu wollen. Einzig auf das Kreuz stolz sein, sonst auf nichts.
Das ist Abstinenz pur. Und damit etwas, was in Therapie und Supervision unbedingte Voraussetzung ist, um in einen effektiven und heilsamen Prozess eintreten zu könnnen. Eben nicht ständig jedem dahergelaufenen Affekt nachzugehen, sich aufzuregen und zu produzieren. Nicht alles tun, um den eigenen Kopf durchzusetzen, Himmel und Hölle in Bewegung setzen, die eigene Seele verkaufen. Nicht ständig versuchen, seine Situation zu verbessern. Einfach mal Zurückhaltung üben.
Das ist ein schönes Ziel. Aber auch ein schweres. Ständig kommen neue Impulse, Möglichkeiten, Ideen, auf die ich reagieren kann, häufig soll. Lauter Dinge, die mich freuen, ärgern, beschäftigen. Wie bewahre ich mich da davor, mehr zu bleiben als jemand, der nur noch reagiert, den Ball zurückspielt, sich ärgert, nachts wach liegt?
Feste Ziele helfen. Und die habe ich ja. Neue Impulse verändern daran nichts, keinen Deut.
Kein Zufall, das Paulus am Ende Gnade herbeiwünscht. Etwas, wofür ich nichts tun kann – das einfach da ist. Immer.

Warum der BefG regelmäßig pleite geht

Galater 2, 1-10
Petrus und Paulus waren ja scheinbar nicht immer die besten Freunde. Oder, um es im Sinus-Jargon zu sagen: Zwischen ihnen klaffte eine fette Ekelgrenze.
Trotzdem gelingt es ihnen, ein Arrangement zu treffen. Sie müssen nicht ein Herz und eine Seele sein, sie müssen sich auch nicht ständig im selben Raum aufhalten und aus demselben Liederbuch singen. Denn sie haben, Gott sei Dank, jeweils individuelle Aufträge, die sie sich in verschiedene Richtungen orientieren lassen. So kommen sie sich nur hin und wieder einmal ins Gehege – dann fliegen auch schon einmal die Fetzen.
Es gibt jedoch ein verbindendes Element: Die Solidarität für die Armen. Wo auch immer Paulus auftaucht, er sammelt fleißig für die Jerusalemer Unterschicht.
Als Baptist kennt man das – Gemeinden mögen auch noch so unterschiedlich sein, alle miteinander sammeln sie für ihr gemeinsames Sorgenkind, den Bund. Dieser tut ihnen den Gefallen (es kann sich da keinesfalls um einen Zufall handeln), sich alle Jahre wieder finanziell kräftig in die Nesseln zu setzen. Die Erklärung dieses Phänomens ist verblüffend einfach: Ohne das Millionengrab Elstal, ohne überraschende Einzelspendenrückgänge hätte der heterogene Haufen sich längst in alle Winde verstreut. Gemeinsame Aufgaben verbinden Menschen. Dass diese Erkenntnis auf eine so effektive Weise seit Jahren genutzt wird, kann man nur als genial bezeichnen.
So gilt damals wie heute: Über alle theologischen Milieugrenzen hinweg vereint die Sorge um finanziell Insuffiziente diejenigen Lager, die ansonsten wenig bis gar nichts miteinander zu tun haben und zu tun haben wollen. Und wer weiß – vielleicht ist das eines Tages ja sogar für irgendetwas gut.

Gelübde für die Freiheit, die aus dem Evangelium kommt

Galater 2, 1-10

Oh, wie bekannt mir das vorkommt. Offenbar ist die Gattung der „So-frei-kann-nicht -richtig-sein-Fraktion“ nicht kleinzukriegen. Bis heute tauchen sie überall auf, wo das Evangelium von Christus Menschen inspiriert und beflügelt, entlastet und befreit. Und sie lassen keine Möglichkeit aus, Vorwände und Notwendigkeiten zu erschaffen, die diese Menschen unter Druck setzen oder sie zu angepasstem Verhalten nötigen sollen.

Hey, this is for you:

…Denen wichen wir auch nicht eine Stunde und unterwarfen uns ihnen nicht, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch bestehen bliebe…

So sehe ich es auch. Ich lasse mich gerne durch verschiedene Sichtweisen herausfordern und bin gerne bereit, zu meinen Überzeugungen, Ideen und „Versuchen“ Rede und Antwort zu stehen.

Aber ich dulde es nicht (in meinem Verantwortungsbereich), wenn Menschen anderen die Freiheit nehmen wollen, wenn sie unter dem Vorwand des Glaubens Macht ausüben wollen um ihr eigenes krankes Ego zu nähren. Ich opfere bereitwillig das Scheinziel der Harmonie auf dem Altar der Redlichkeit und werde nicht kleinlaut den Sklaventreibern und Angstmachern das Feld überlassen. So wahr mir Gott helfe, Amen.

Unanpassbar

Galater 1, 11-24
Aha, das Evangelium passt sich also nicht den Menschen an. Soso. Also Integration statt Inklusion?Bereiten sie sich vor, assimiliert zu werden. Dann ist es ja klar, die Fundis und Treuen im Lande haben Recht: Nichts darf sich ändern, keine Entwicklung – Frauen bleiben Menschen zweiter Klasse, ebenso Schwule, alles muss bleiben, wie es war.
Ich glaube nicht, dass es so gemeint ist. Das Evangelium ist die größtmögliche Annäherung Gottes an den Menschen Gott und Mensch sind nunmehr so dicke miteinander, da passt kein Blatt mehr dazwischen.
Darum geht es also nicht. Sondern?
Genau um das Gegenteil, würde ich sagen. Paulus wendet sich gegen die Vorgestrigen, die Reichsbedenkenträger, gegen diejenigen, die auf Nummer sicher gehen wollen. Er weist auf die Radikalität und Unverfügbarkeit des Evangeliums hin. Und wenn er dann die Heidenmission aus der Taufe hob, zu neuen Ufern aufbrach, dann handelte es sich eben nicht um ein Neuschreiben des Evangeliums oder eine Veränderung, sondern um seine Neuentdeckung: Wesentliche Teile und Aspekte dieser unverfügbaren Botschaft wurden im aktuellen soziokulturellen Kontext neu entdeckt und konsequent gelebt.
Ja, das Evangelium passt sich nicht den Menschen an. Aber manchmal passen wir uns ihm an.

Alles zu seiner Zeit

Kohelet 3, 1-7

Ein schöner Text. Aber auch schaurig. Klingt etwas nach bipolarer Störung (auch bekannt als manisch-depressiv). „Kleider nähen – Kleider zerreißen“?

Einerseits tröstet er, wenn ich der Spannungshaftigkeit des Lebens wenig entgegenzusetzen habe, wenn die Wellen über meinen Kopf schlagen, wenn ich beinahe körperlich spüre, wie es mich zu zerreißen droht. Ob das dann wirklich zu einem tiefempfundenen Trost führt, ist die andere Frage. Aber der Versuch an sich ehrt den ‘Prediger’. Er stellt uns großzügig seine persönlichen, biographisch fundierten Erfahrungen zur Verfügung. Das ist nicht selbstverständlich. So hält er den Depressiven die Hand. Oder denen in schwer erträglichen Situationen.
Andererseits erhebt der Text mahnend den Zeigefinger, wenn wir uns im Überschwang befinden. Wer hoch zielt, kann tief fallen. Das ist sicher keine Missgunst. Manische haben tief in sich bereits wieder die Angst vor dem Rück-Fall ins Bodenlose. Bewusstmachen mag helfen. Vielleicht auch nicht. Aber immerhin – ein Versuch.

Gestern sah ich einen sehr eindrücklichen Kurzfilm über einen depressiven Menschen, der nach jahrelangem Kampf den Weg zurück fand. Die Familie unterstützte ihn. Der Bruder meinte: „Wir waren bei ihm. Wir haben zu ihm gehalten. Nicht ergebnis- oder zielorientiert. Wir waren einfach da. Es hätte auch in der Depression bleiben oder im Suizid enden können. Das haben wir nicht in der Hand. Wir waren einfach da. Liebe, die mitgeht, hat einen Wert an sich, der ganz unabhängig vom Ergebnis ist.“
Diese Worte haben mich sehr berührt. Das wünsche ich mir: Zu akzeptieren, dass im Leben alles seine Zeit hat. Dass alles kommt und geht – letztendlich gibt es nichts Menschliches, das bleiben wird.
Es ist – ob als gut oder schlecht empfunden. Es ist.

Kosten des Ruhms

Habakuk 2,4-20

Warum nur musste ich beim Lesen an diesen obskuren „Pastor“ aus „hab ich schon vergessen“ denken, der für einige Tage die Weltöffentlichkeit auf sich aufmerksam gemacht hat? Zur Ruhe wird er nicht mehr finden, soviel ist sicher. Am heutigen 13. September ist sein Name bereits aus den Titelseiten der Nachrichtenmagazine getilgt und niemanden interessiert mehr, was er vor hatte. Allenfalls Erleichterung, dass nichts passiert ist, wird in einigen kirchlichen Medien hochgehalten.

Und nun bleibt für den Urheber des ganzen Schreckens die Aufgabe, mit seiner neuerlichen Bedeutungslosigkeit umzugehen. Was für tabubrechendes Zeug er wohl in der Zukunft auf die Menschheit loslassen will, um noch einmal den Reiz der Aufmerksamkeit zu erleben. Verdammt zu einem Leben in Ruhelosigkeit. Was ich gestern einmal hatte, will ich heute und in Zukunft nicht mehr missen.

So erinnert der Habakuk-Text daran, wie temporär unsere Lebensentwürfe sind, wie ziellos die Suche nach Macht und Anerkennung, nach Prestige und Einfluss ist.

„Der Gerechte wird aus Glauben leben“ heißt es da. Und es ist wie ein kleines Gesamtkunstwerk, dass man diesen Versteil behält, während man die übrigen 15 Verse mit seinen flüchtigen Beschreibungen wieder vergisst. Eben nur dieses ist es, was bleibt. Man kann unendlich viel ausprobieren, in unendlichen vielen Dingen sein Heil suchen, aber „Leben“ hat mit alledem nichts zu tun. Leben können wir nur durch diese gewagte Zuversicht auf das Unergründliche, durch ein Rechnen mit dem unbeweisbar Übernatürlichen. Und nur dieses Leben lässt uns gerecht sein, und nicht ständig den eigenen Vorteil auf Kosten Anderer suchen.

Mal sehen: Am Sonntag erlebe ich vielleicht den Höhepunkt der Aufmerksamkeit meines pastoralen Dienstes. Viele liebe Leute, geladene Offizielle, Freunde und Verwandte kommen zu meiner „offiziellen“ Einführung als Gemeindepastor. Vermutlich werden die Räume kuschelig eng wirken und lange Monate danach nicht mehr so viele Menschen in unserem Gottesdienst auftauchen.

Ab Montag, dem 20. September, ist es meine Herausforderung, mein Handeln nicht an dem guten Gefühl zu messen, dass einmal ganz Viele wegen mir gekommen sind. Dann ist es meine Aufgabe, auch mit den manchmal Wenigen zu leben, zu glauben und andere Ambitionen loszulassen. Nicht dass ich nicht denken könnte, dass Wachstum und Veränderung möglich wäre, aber nicht weil es machbar ist, sondern wenn, dann weil die Sache mit dem Glauben so unendlich teilenswert ist.

„Aber der HERR ist in seinem heiligen Tempel. Es sei vor ihm stille alle Welt!“

Hat Gott auch mal ‘nen schlechten Tag?

Zefanja 1, 1-9

Gott, ich kann dich ja nur zu gut verstehen. Es gibt Tage, da denke ich genau dasselbe. Da habe ich diese Endzeitphantasien – herabregnendes Feuer, breiter werdende Erdspalten etc. Da habe ich Atombombensehnsucht und Tsunamilust. Alles weg, alles runter vom Antlitz der Erde, auch und ganz besonders ich selbst.

Du bist ja auch nur ein Mensch, denke ich manchmal, irgendwann muss die Geduld doch am Ende sein, wenn man allwissend ist, all diese dunklen Flecken weiß, an die niemals das Licht der Erkenntnis gelangt. Ich bin voll von ihnen, und die um mich herum ebenfalls. Wir haben es nicht anders verdient. Aber hey, du hast uns geschaffen, wir sind deine Idee, was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Konstruktionsfehler oder intelligentes Design? Belustigt es dich, uns so zu sehen? Sind wir deine Beschäftigungstherapie?

Herr, nicht dass wir uns missverstehen. Diese Fragen stelle ich mir und dir mit frommem Herzen. Ich gehe davon aus, dass du es gut meinst, dieser Glaube ist tief in mir verankert. So tief, dass ihn herauszureißen mein Ende wäre. Ich meine es ernst mit dir – um so mehr ergreifen mich diese Fragen, weil ich mein Leben, weil ich das Leben in und mit dir durchdringen, begreifen will. Warum du in der Bibel manchmal so rachsüchtig, fast schon dämonisch rüberkommst, das ist ja erst eine Frage zum Warmwerden. Warum du aber diese Kuddelmuddelwelt und dieses Kuddelmuddelich geschaffen hast, das ist dann schon das richtig heiße Eisen.

Ich verstehe es nicht. Du?

Na ja, dann will ich mal weiter machen. Versuchen, wieder einmal etwas Ordnung in mein Durcheinander namens Leben bringen. Und wieder stille werden vor dir.

„Hey du Lügner!“

1. Johannes 2, 1-6

Wenn die Freaks ihre Gemeindeleiter schon als „Oberarsch“ bezeichnen, dann kann man laut Johannes ja auch noch etwas weiter gehen. Ein nettes, aufrichtiges Wort auf dem Gemeindeparkplatz oder beim Kelchweiterreichen, um eine stets demütige Haltung zu garantieren.

Dieser Text ist einer zum dran reiben. Und das tue ich auch immer mal wieder. Ein Aufruf zur Perfektion? Falsch verstandener Motivationsversuch?

Vielleicht eher eine Hilfe zur Positionsbestimmung. Kursabweichungen waren damals vermutlich ebensosehr wie heute an der Tagesordnung wie heute. Sie verstörten, verwirrten, verängstigten. Um so hilfreicher ist es dann, einen genaueren Blick auf Jesus und sein Leben zu werfen, Entschuldigungen und Kompromisse zu akzeptieren, aber nicht zum Maß aller Dinge zu machen. Wo es gelingt, dies auf wertschätzende und individuelle Weise zu tun, kann ein authentisches und relevantes Miteinander entstehen.

Ich glaube, das ist es, was der Verfasser des 1. Johannesbriefs meint. Evangelium ist keine Ergötzungshilfe für rechthaberische Klugscheißer und diskussionswütige Pharisäer, sondern konkrete Lebensweise, fast schon Lebensform.

Und seit nunmehr 27 Jahren frage ich mich, wie es wohl wäre, das mal ganz einfach umzusetzen.

Ketten? Welche Ketten?

Johannes 8, 30-36

Jesus geht es offensichtlich um Nachhaltigkeit: In seinem Wort sein und in seinem Wort bleiben sind tatsächlich zwei paar Schuhe. Niemand kann sich sicher sein, dass dieses Bleiben fest inkludierter Bestandteil seines Lebens sein wird. Und wenn ja, wie lange? Abbrüche sind vorprogrammiert. Siehe auch „Alter Adam“.

Der Kategorie „Jünger/Jüngerin Jesu“ gehöre ich nicht aufgrund eines mündlichen oder schriftlichen Bekenntnisses an. Das ist der Anfang, aber noch nicht der Weg. Der kommt erst noch – mit Steinen, Wurzeln, Pfützen, Steigungen, Gabelungen, Sackgassen. Wer weiß schon, wohin das führt und wie es ausgeht. Ich nicht.

Der Wille zählt, aber nicht der Wille allein. Also los – raus auf die Straße und Meilen machen.

Dadurch wird Jesus mich nicht mehr lieben. Aber ich ihn. Denn die Erfahrungen, die ich mit ihm machen werde, die unsere Beziehung intensivieren werden, die mache ich nicht auf dem Sofa.

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