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Lukas 17, 11-18

Hier gibt es viele Anhaltspunkte, die einer näheren Betrachtung lohnen würden. Zum Beispiel ist es natürlich keineswegs selbstverständlich, dass von Gott als dem die Rede ist, der in Jerusalem, Samaria und Galiläa unterwegs ist. Aber das ist ein anderes Kapitel…

Im engeren Sinne geht es also um die 10 Aussätzigen, die ihre Not signalisieren, denen Jesus hilft und von denen 90% glauben, jetzt endlich das Ende der Fahnenstange erreicht zu haben. Einer kommt zurück. Einer sagt Danke! Und dieser Eine entdeckt, dass es im Leben um mehr geht, als irgendetwas im Moment nicht zu sein.

„Hinter dem Horizont geht´s weiter“. Udo Lindenberg sang es vor 20 oder mehr Jahren. Der Wortlaut ist akzeptiert, das Lied war ein Hit, die Melodie bleibt im Ohr. Aber der Sachverhalt wird allzu oft unterschätzt. Das, was wir aktuell sehen, ist noch nicht alles. Die Lösung der Problemberge vor uns ist noch nicht unser Lebenswerk, die momentane Freude noch nicht der Gipfel unserer Erfahrungen, die heutigen Pläne sind keine geeignete Roadmap für unser Leben.

Aber vermutlich stimmt das Verhältnis, dass 90% dies übersehen. Im Alltagstrott ebenso wie in Fragen nach Sinn und Leben.

Einer von zehn kommt zu dem zurück, der Urheber seines aktuellen Glücks ist. Einer von zehn wird darauf aufmerksam, dass es hinter dem Horizont des „nicht-mehr-aussätzig-Seins“ noch mehr zu entdecken gibt, dass mit diesem Jesus zusammen hängt.

So irritierend es klingen mag: Wer Gott die Ehre gibt, entdeckt, dass es weiter geht. Und das, obwohl „Dankbarkeit“ und „Ehrerbietung“ in unserem Sprachgebrauch eher wie hinderlicher Ballast empfunden werden. Das Gegenteil ist richtig…

Ohne Filter…

Mt 8, 5-13

Ich habe mich immer gefragt, was der Hauptmann von Kapernaum wohl für ein Zuhause hat. Ob es ihm peinlich war, Jesus dorthin einzuladen. Oder ob er mit dieser seltsamen Mischung aus Hoffnung und Verzweifelung vor Jesus steht. Hoffnung, dass alles gutwerden kann und Verzweifelung, weil nichts mehr zu erwarten ist und er Jesus besser nicht vergeblich – weil zu spät – in sein Haus einlädt.

Alles nur Hypothesen. Gesagt ist etwas anderes. Da ist der befehlsgewohnte Offizier, der seine berufliche Sicht der Dinge gnadenlos auf jeden anderen Vorgang in der Welt überträgt. Und entsprechend erwatet er nur einen Befehl und seine Welt gewinnt neue Perspektive.

Und dann die totale Überraschung. Jesus weist den Hauptmann nicht etwa auf sein verzerrtes Weltbild hin. Nicht auf das Defizit, familiäre Belange nur mit militärischer Disziplin zu betrachten. Er lobt ihn umgekehrt für seine Geradlinigkeit. Ungefiltert, ehrlich, gemäß den eigenen Möglichkeiten.

Jesus nimmt sich auch nicht, wie sonst eigentlich üblich, die Zeit, dann eben doch noch einen Hausbesuch zu machen und dem Knecht des Hauptmanns persönlich zu begegnen. Er lässt sich ganz und gar auf die Bitte, den Stil und die Vorstellungswelt des Offiziers ohne Namen ein.

Ich lerne zwei Dinge:

1. Gerade heraus, ungefiltert und schleimfrei bitten!

2. Damit rechnen, dass Gott gerade heraus ungefiltert und respektvoll antwortet…

Freunde bitten…

Luk 11, 5-10

Ich rufe nur eine Handvoll Menschen abends nach 22.00Uhr an. Ich frage selten nach Hilfe, wenn eine Sache auch allein zu schaffen ist und dadurch vielleicht einfach nur länger dauert. Ich würde in der beschriebenen Situation vermutlich ein lausiger Gastgeber sein, da ich weder bei Nachbarn, Freunden noch der Familie um Mitterenacht klingeln würde, um (dort) etwas Essbares aufzutreiben.

Nun ist das auch ein eher seltener Anwendungsfall. Weil wir meistens irgendetwas zu Essen im Haus haben, weil wir die Telefonnummern von einem halben Dutzend Pizza-Diensten greifbar haben und notfalls diverse FastFood-Buden 23 oder 24 Stunden am Tag auf haben.

Umgekehrt ist es anders: Ich würde auch Nachts um Eins einen liegengebliebenen Bekannten von der Autobahn holen, würde meinen Vorratsschrank auch um Drei noch dem in Verlegenheit geratenen Nachbarn öffnen und würde um Fünf den Herd anwerfen, wenn es einem Freund helfen würde.

Und das Verrückte ist: Ziemlich sicher würden alle meine Nachbarn, Freunde und Familienangehörigen es 100% ebenso machen.  Niemand wäre sauer, keiner würde ein Aufhebens darum machen, niemand würde mich zurückweisen oder mich hängen lassen.

Kurzum: Keine falsche Scham, wenn es nötig ist. Nachbarn, Freunde und Familie helfen gerne! So, wie ich auch helfen würde.

Und vielleicht ist es die gleiche Scham, die auch dauerhaft meine Lebensqualität einschränkt: Da suche ich vielleicht nicht Knäckebrot sondern Sinn, nicht Unterhaltung, sondern Annahme, nicht Knabberzeug, sondern Rechtfertigung. Und bin einfach gehemmt, nachzufragen. Und dabei hat Gott doch alles versucht, um seine Zuwendung und Hilfsbereitschaft erkennbar zu machen.

Er ist bereit. Tag und Nacht. Für Kleines und Großes. Für Große und Kleine. Einfach mal anrufen! Gott ist auch nur ein Gebet entfernt…

Gerechtigkeit

Daniel 6,15-29

Die Guten wurden gefoltert, blieben aber standhaft und haben letzten Endes gesiegt und leben, die Bösen sind tot und vernichtet und der Oberbefehlshaber, obwohl erst auf dem falschen Weg, ist in letztem Moment umgeschwenkt, hat sich auf die Seite der Guten geschlagen und nun alle sind froh.

Ich habe neulich “Transformers – Die Rache” gesehen. Kein sooo schlechter Film, aber auch nicht sonderlich herausragend, nicht wahr?

Und Daniel? Was ist passiert?

Die Guten wurden gefoltert, blieben aber standhaft und haben letzten Endes gesiegt und leben, die Bösen sind tot und vernichtet und der König, obwohl erst auf dem falschen Weg, ist in letztem Moment umgeschwenkt, hat sich auf die Seite der Guten geschlagen und nun alle sind froh.

Wann immer ich höre, dass diese alten biblischen Geschichten mit der Gegenwart nichts zu tun haben, da – nein, ich schicke ihn nicht ins Kino – aber da werde ich nachdenklich. Wir begeistern uns heute immer noch in gleichem Maße für heroische Geschichten. Für standhafte Helden. Für grausame Schurken. Für Herrscher, die erst dumm und töricht, aber am Schluss gut und weise entscheiden.

Die Guten ins Töpfchen

und die Schlechten ins

…Kröpfchen?

Liebt Gott eigentlich auch

die Bösen?

Ist im Himmel vor allem Platz für den heroischen Daniel? Für nächstenliebende Helden die sich voller Gottvertrauen in die Löwengrube stürzen? Ist neben all den großen Helden dieser großen Geschichten auch jemand Normales in Gottes Fokus? Ist da noch jemand anderes im Himmel, als dieses Fähnlein christlicher Heroen?

Was ist mit dem König?

Was ist mit

mir?

Hat Gott auch Platz für mich?

Daniel 6, 2-14

Daniel ist ein Held. Er macht alles richtig. An Ihm findet man keinen Makel. Keinen? Na ja, irgendein Haar findet man immer in der Suppe. So auch hier. Wenn der Wille zum Verdammen erst mal da ist, rettet den Betroffenen nichts mehr, auch nicht einwandfreies Verhalten. Weil es hier nicht um Argumente geht, auch nicht um Integrität oder gar Loyalität, sondern ausschließlich um Macht, Einfluss und Neid. Und vielleicht auch um mangelnde Anerkennung, fehlende Ziele und eine Art von Orientierungslosigkeit.

Also hat Daniel mal wieder nichts von seiner Rechtschaffenheit. Und ehrlich gesagt, atme ich auf. Weil, hätte ihn sein „alles richtig machen“ gerettet, hätte dieser Abschnitt eine deprimierende Wirkung auf mich. Weil ich ihm vermutlich nicht das Wasser reichen kann. (Im Stillen hoffe ich, dass er auch nur ein Mensch war…)

Und so geht es ihm (bekanntlich) ans Leder. Der offizielle Textabschnitt endet zwar früher, aber wer könnte die Dramatik jetzt noch Tage aufschieben? Daniel überlebt die Intrige, die Intrigaten werden Löwenfutter.

Aber es wäre zu schnell, dann eben doch ein Verdienst daraus zu machen. Es ist eher das „Natur-Gesetz“, dass uns die Keule droht, mit der wir auf andere einschlagen. Anders ausgedrückt: Die Löwen holen sich, wer es verdient hat.

Also lohnt Vertrauen. Und Gelassenheit. Und die Einstellung, das Recht nicht in die eigene Hand nehmen zu müssen.

 

Daniel 6, 2-14

Die gute alte Sonntagschulgeschichte.

Obwohl… dass die Bösen am Ende mitsamt Frauen und Kindern verfüttert werden, das hat man uns damals nicht erzählt.

Es ist wieder einmal so eine Rechthabergeschichte. Eine, die Vertrauen wecken und festigen soll. Eine, die sich ein Volk erzählt, das im Exil lebt, das um seine Identität ringt, das Perspektive sucht.

Es muss ein schweres Leben sein. Ständig die Löwen im Nacken haben, die Denunzianten, die Übelwollenden. Sein Leben nicht selbst in der Hand zu haben, sondern auf Gedeih und Verderb einer fremden Institution ausgeliefert zu sein, deren Mechanismen man nicht versteht, in der man keinen Einfluss hat, keine Lobby, keinerlei Gestaltungsmöglichkeiten.

Daniel schafft den Durchbruch. Er wird Teil der Institution, steigt auf, gestaltet mit. Der Daniel von heute wäre vielleicht Landesvorsitzender oder MdB bei den Grünen.

Allerdings ohne Löwengrube. Oder?

Daniel 5, 17-6,1

Ich bin hin und her gerissen. Sind das die Phantasien eines kleinen, unbedeutenden Volkes, Spielball der Großmächte, das sich eine Welt zusammenträumt, in der es zumindest ein Bisschen Schicksal vorhersehen kann? Ist die Hand Gottes dieselbe wie die Maradonas?

Man weiß es nicht.

Ist Daniel, der Supermann, nicht irgendwie auch ein Superklugscheißer? Es fällt mir schwer, mir Gottes Handeln so vorzustellen, wie es hier dargestellt wird: Ätschibätsch, heute Nacht biste tot. Die Bibel kann schon eine echte Herausforderung sein. Für jede und jeden eine andere.

Aber wichtig ist letztendlich das Dranbleiben. Da kann ich nur mit Petrus sagen: „Wohin sonst sollten wir gehen?“

Graffitti

Daniel 5, 1-12

Erst einmal finde ich es unverantwortlich, eine frisch getünchte Wand einfach vollzukritzeln. Wandtattoo hin oder her, da hört der Spaß auf. Stellt euch nur mal vor, Belschazzar zieht um und führt das Übergabegespräch mit seinem Vermieter:

„Ach, Herr Belschazzar, eine Sache wäre da noch. Im Thronsaal, direkt gegenüber dem Leuchter, da ist noch Gekritzele auf der Wand. Laut Mietvertrag muss das Objekt aber renoviert übergeben werden.“

„Nee, das war ich nicht. Da ist neulich mal plötzlich eine Hand erschienen und hat da aus heiterem Himmel rumgeschrieben. Dafür können sie mich unmöglich belangen.“

„Ach so. Na dann…“

Egal.

Wieder einmal kommt der König schlecht weg. Wieder einmal ruft er seine Berater, die wieder einmal keinen Peil haben. Mann kann regelrecht von einer Reinszenierung reden. Die Nebu-Familie, das sind die, die mit Übernatürlichem nicht zurecht kommen. Glücklicherweise ist Daniel zur Stelle.

Heißer Ofen

Daniel 3, 1-18

Wieder so eine klassische Kindergottesdienstgeschichte.

Es geht um Zivilcourage. Wie eigentlich das ganze Buch Daniel hindurch. Es geht um eine kleine Gruppe verzagter und vertriebener Asylanten, a long way from home, die in einer oft feindseligen Umgebung darum ringt, die eigene Identität zu finden und zu erhalten. Ihr Glaube ist das, was sie wesentlich ausmacht. Ohne Gottesbeziehung erscheint ihnen ihr Leben nicht lebenswert. Nur so lässt sich erklären, dass sie es auf derart haarsträugende Weise riskieren. Das ist kein brülliges „Gott ist mit uns“ oder „Denn der Herr zieht mit uns voran“. Nein, sie hoffen, dass Gott sie rettet, aber wnn nicht… Nun, dann eben nicht. Die Gottesbeziehung kann ihnen niemand nehmen, die ist untödlich und uneinschmelzbar. Der Ofen, in dem das Gottesbild geformt wurde, ist nicht geeignet, ihre Gottesbeziehung auch nur anzukratzen.

Beneidenswert. Aber letztendlich nur eine Frage der Entscheidung. Und des Durchhaltens. Na ja, eine Portion Dickköpfigkeit wird sicher ebenfalls hilfreich sein.

Vom Konjunktiv zum Futur

Daniel 2, 27-35

Die erste Frage stellt sich vorweg. Haben aufgrund der Intervention des Daniel auch die anderen Weisen und Wahrsager überlebt, oder haben sie ihre „gerechte Strafe für ihr „schmutziges Geschäft“ bekommen? Geprägt bin ich auf jeden Fall so, dass ich das zweite billigend in Kauf nehmen würde. Manchmal ist Prägung und Sozialisation schon eine Last! Der sich trotz Prägung in mir heranbildende Menschenfreund hofft jedenfalls auf Gnade und gibt sich keinesfalls einer Feindbildgerechten „Ist-doch-egal- oder Recht-so-Haltung hin (aber es ist doch schon gruselig, wie menschenverachtend man manchmal zumindest gewesen ist, oder?)

Zurück zum vorliegenden Text: Der Diktator hatte also geträumt. Und schlussendlich in Daniel doch jemanden gefunden, der ihm in Sachen Deutung hilft.

Du, König, dachtest auf deinem Bett, was dereinst geschehen würde…

Wie halt Träume manchmal sind. Man bewegt die eigenen Gedanken unbewusst weiter. Dass, was uns am Tage beschäftigt (und meist ungelöst ist), krabbelt uns nächtens über die Bettdecke. Nebukadnezer grübelt, wie es sich mit seinem Reich weiterentwickelt. Neben den großen und hochtrabenden (und by the way: irgendwann zwangsläufig größenwahnsinnigen) Plänen bleiben ihm vermutlich auch Risiken und Nebenwirkungen nicht verborgen. So und so KÖNNTE es geschehen.

Kein Diktator von Klasse, der am Ende nicht obsiegen würde. „Einmarschieren – Ausradieren“ als Mantra gegen die Zweifel.

Und dann passiert noch etwas. Etwas, dass ich, obgleich ich mich nur manchmal für einen Diktator halte, auch kenne. Über meinen Plan legt sich ein Realitätsoverlay.

…der, der Geheimnisse offenbart, hat dir kundgetan, was geschehen wird.

Plötzlich dämmert mir, dass meine Planungen nicht aufgehen, dass mein Optimismus fehl am Platze ist, dass meine Einschätzungen zu verbohrt sind. Ein durch und durch unangenehmes Gefühl. Weil es einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Weil meine gedankliche Energie mit meinen Plänen aufgebraucht ist und ich keine Alternativen mehr denken kann.

Aus meinem planerischen Konjunktiv „Wen ich erstmal…, dann…“ wird mit einem Mal ein Futur: „So wird es kommen…“

Kein Wunder, dass Nebukadnezer Rat sucht. Kein Wunder, dass die Riege der Speichellecker und Arschkriecher (das soll jetzt nicht abwertend klingen ;-) ) keinen Mumm hat, diese unbequehme Wahrheit zu deuten. Tragisches Schicksal, davon zu leben, jemandem nach dem Mund zu reden. Eine Erfahrung, die in den letzten Wochen auch die Politikberater in unserem Land mal wieder machen mussten. Regierungswechsel heißt dann eben auch immer: Jobverlust.

Dieses wiederum scheint mir eine Herausforderung für mich heute zu sein. Ich begegne geballt Menschen, die hochfliegende Pläne haben. Im Job, in Sachen Konsum, in ihren Beziehungen. Und ich wünsche jedem, mit dem ich persönlich in Kontakt bin, dabei auch aufrichtig Erfolg und Glück. Nur manchmal ist es eben auch so, dass diese Ziele und Pläne einen allzu törichten Beigeschmack haben. Sie selbst ahnen es. Jeder andere sieht es.

Rede ich meinem Nächsten nach dem Mund und verstumme (!), oder habe ich den Mut, Offensichtliches auszusprechen und aus naivem Konjunktiv ein göttliches Futur zu machen? 

 

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