5. Mose (Dtn) 7, 1-11
Es bleibt noch ein wenig befremdlich anmutend. Hier wird gnadenloser Völkermord und Religionskrieg angekündigt. Von der Bonsai-Nation zwischen den großen Nationen drumherum.
Jetzt könnte man sich auf den Konjunktiv zurückziehen. “WENN” dich der Herr dein Gott ins Land bringt und (ER) die Völker ausrottet. Das macht Gottes Rolle nicht weniger eigenartig, würde aber zumindest den Aufforderungscharakter, sich selbst ins Gemetzel zu stürzen relativieren.
Aber so ist es ja nicht gemeint. Die nachfolgenden Verse geben dem Volk Israel ja einen konkreten Bann- und Vollstreckungsauftrag mit.
Wie also interpretiere ich den Abschnitt richtig, wenn gilt:
1.) Gott ist immer dergleiche.
2.) Gott ist Schöpfer und Erhalter allen Lebens.
3.) Gott ist Liebe und will, dass alle Menschen im Vollsinn “leben”.
???
Ein nationales Assimilationsverbot kommt mir aus heutiger Sicht eigenartig vor, ist aber noch das Nachvollziehbarste und Harmloseste, zu was der Text auffordert.
Was mir hilft, ist das Bewusstmachen von zwei Dingen. Erstens sind die Texte des Alten Testaments Glaubenszeugnisse aus dem Leben eines Volkes mit ihrem Gott. Somit sind sie auch immer Auseinandersetzung mit der vorfindlichen gesellschaftlich-historischen Situation mit einer klaren religiösen Interpretation.
Das Volk Israel befindet sich im Krieg und gewinnt diverse Schlachten: Gott hat vor ihnen her den Weg bereitet und andere Völker ausradiert. An anderer Stelle werden freilich auch Schlachten verloren: Das ist dann eben eine Strafe für Übertretungen der Ordnung Gottes.
Zweitens: Gott offenbart sich und sein Wesen im Alltag seiner Menschen. Diese Offenbarung geschieht schrittweise und begrenzt. Wären sie vollkommen und würden Sie sein Wesen umfassend und unmissverständlich zeigen, bräuchte es keine Menschwerdung Gottes in Christus. Die Zeugnisse dieser vorläufigen Offenbarung Gottes sind die historischen Reflexionen, wie sie uns in den Schriften des Alten Testamentes überliefert sind.
Ergo: Nicht die Methoden und Handlungen des Volkes Israels in der Landnahmezeit offenbaren das Wesen Gottes, sondern die Motive und Absichtigen tun dies.
Ein relativ kleines Volk geht seinen Weg inmitten einer Übermacht von anderen Völkern. Dabei schaut Israel auf einen Zuspruch Gottes, statt sich auf die eigene Macht und sein militärisches Potential zu verlassen. Es lässt sich von den gesellschaftlichen Konventionen und contemporären Gepflogenheiten nicht beeinflussen, sondern lässt den Fokus (tendentiell, weil menschlich relativiert) auf Gott.
Erkenntnis des Tages: Es gibt (immernoch) keinen gerechten Krieg. Ich persönlich zähle Krieg mit zu den “Dahingegebenheiten” die Paulus in Rö 1, 24f beschreibt. Sie erscheinen in einer Zeit als “normal”, erweisen sich aber langfristig als narzistisch und wenig zielführend. Gleichwohl stellt Gott sich zu seinen Menschen und erweist sich auch in langfristig besehen u.U. sehr fragwürdigen Methoden oder Strategien.
Die das Vordergründige überdauernde Botschaft aus Dtn 7, 1-11 ist für mich: “Verliere Gott niemals aus dem Blick. Vertraue seiner Gegenwart. Rechne mit seiner Existenz in deinem Leben”.
Nicht mehr. Und nicht weniger!