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Fremdlinge

Ich mag das Alte Testament unwahrscheinlich gerne.

Zugegeben – es hat eine Weile gebraucht. Vielleicht war genau das aber auch nötig: Zeit und Wissen um ein wenig von dem zu verstehen, was uns aus diesen tausende Jahre alten Zeilen entgegenspringt.

Heute blicke ich – Claiborne und Bell sei Dank – deutlich neugieriger auf diese Texte. Insbesondere Leviticus und Deuteronomium mag ich sehr.

Was hatte Gott für eine Vorstellung vom Leben mit seinem Volk? Wie kommt es zu diesen merkwürdigen Gesetzen und Aussagen? Sehr spannend!

Vers 19 des heutigen Textes war am 30.11. vergangenen Jahres die Losung.

Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.

Ein wenig ironisch mutet an, dass am gleichen Tag die unsägliche Diskussion über das Minarett-Verbot in der Schweiz startete.

Mir sagt der Text, dass ich nicht vergessen soll, wo die Ursprünge meiner Kultur liegen. Mehr als nur ein weiteres “Gebot” richtet Gott hier meinen Blick auf ein ausbeuterisches, kapitalistisches System, aus dem das Volk Israel einst floh.

Erinnert euch daran, scheint Gott hier zu sagen, ich habe Großes mit euch vor! Stellt euch eine Gesellschaft vor, in der Fremde willkommen sind. In der sie nicht nur geduldet, sondern geliebt sind!

Was für eine atemberaubende Welt wäre das…?!

Und wie oft heiße ich Fremde Gäste in unseren Gottesdiensten mit dieser Liebe willkommen?

Zweite Chance

Dtn 10, 1-9

Es war der Affekt eines Mose, der die ersten beiden Tafeln mit Gottes Geboten zum Rohstoff für den Straßenbau machte. Gänzlich angenervt und stinksauer hatte er die Gesetzestafeln Gottes auf den Boden gepfeffert und seine Tirade auf sein abtrünniges Volk losgelassen.

Gott gewährt seinem Volk eine zweite Chance. Es mutet so langmütig wie die Stimme eines Navigationssystems an, wie Gott hier spricht. Keine erhobene Stimme, keine weitere Zurechtweisung. Sondern einfach a second life chance.

Anders als bei uns Menschen bleibt der Umfang der neuen Gebote auch auf gleichem Niveau. Zum einen auch ein Zeichen für Gottes Unwandelbarkeit, zum anderen ein Zeichen für wohlüberlegte Gebote, die nicht so kurzsichtig sind, dass sie tägliche Hotfixes brauchen.

Wären unsere staatliche Gesetzgebungsgremien mit dieser Aufgabe befasst gewesen, hätte es vermutlich mindestens eine dritte Tafel zu “goldenen Kälbern” gegeben und Mose hätte ein Abhör- und Frühwarnsystem einführen müssen.

So berechtigt Moses Ärger und Gottes Zorn gewesen sein mag, Gott gibt Mose und seinen Leuten eine zweite Chance. Die Art, wie er es tut, macht ihn zweifelsfrei zum Erfinder des lebenslangen Lernens. (Nur damit nicht wieder Al Gore das für sich beansprucht…).

Und liebe Southern baptists: So sehr Aaron sich mit dem Projekt Goldenes Kalb in die Nesseln gesetzt hat, sein Tod ist kein Gericht Gottes und gerechte Strafe für Verfehlungen der Vergangenheit. Er stirbt einfach und wird begraben. Würde mich nicht wundern, ihn einst zu treffen…

Und dann erzählt die Geschichte noch von den Leviten, der Worship-Abteilung des Volkes Israel. Was die wohl von den heutigen Levitencamps halten würden. Aber vermutlich gibt es auch bei dieser Art Projekten immer eine zweite Chance…

Deuteronomium 9, 22-29

“Wo ist solch ein Gott so wie du?” geht mir zuerst durch den Kopf, wenn ich so etwas lese. Ständig ist er sauer, beleidigt, eifersüchtig, erzürnt. 40 Tage und Nächte muss man vor ihm auf dem Boden liegen, damit er ein Einsehen hat.

So soll Gott sein? So ein Gottesbild hätte das Potenzial, mich zum glühenden Atheisten zu machen.

Aber wie kommt Israel auf dieses Gottesbild?

Sie leben in der Verbannung, anscheinend ist ihr Gott nicht bei ihnen gewesen, als ihr Land überrannt wurde, ihre Stadt fiel, ihr Tempel entweiht wurde. Warum nur? Ganz klar, sie haben etwas falsch gemacht. Sie haben die Gebote missachtet, den guten Weg verlassen, von Anfang an. Es liegt an ihnen, nicht an Gott.

Ach, und die Geschichte mit den Lustgräbern: Hier liegen diejenigen begraben, die auf der Wüstenwanderung zu viele Wachteln verspeist haben – das rief Gottes Zorn hervor, er schlug das Volk mit einer Seuche.

Das zu verdauen ist nicht so leicht für mich, wie es erst einmal klingen mag. Ich bin mit einer tiefen Ehrfurcht vor der Schrift aufgewachsen, auch und gerade vor den undurchsichtigen Stellen. Dass ich mich von dieser lähmenden Bücherverehrung befreien konnte, ist für mich klar gottgewirkter Prozess. Aber wie geht es nun weiter? Humor und Zynismus sind da kein Weg. Von dem, über das ich mich lustig mache, kann ich nicht lernen. Und das möchte ich gerne.

Dtn 9, 7-21

Nachdem mir für Erläuterungen irgendwie die Muße fehlte, hier der aus meiner Sicht entscheidende Vers…

Aber eure Sünde, das Kalb, das ihr gemacht hattet, nahm ich und verbrannte es mit Feuer und zerschlug es und zermalmte es, bis es Staub ward, und warf den Staub in den Bach, der vom Berge fließt.

Immer noch martialische Sprache, aber mal ein geeignetes Objekt dafür. Und mit einer Perspektive der Hoffnung.

Psalm 119, 73-80

Da fragt man sich: Ist das Gottvertrauen oder Narzissmus, was der Psalmist da bezeugt? Ich persönlich finde, es ist an der Grenze. Da findet sich jemand richtig toll, aber Gott und seine Gebote auch. Das schmeckt mir nicht hundertprozentig – vielleicht deswegen, weil es mich etwas an mich selbst erinnert, und das kann ja manchmal unangenehm sein.

Jedoch ist da eine Perspektive, eine Tendenz, eine Gottesorientierung. Und das finde ich gut. Aber das “Sehnsucht nach Jesus haben” oder “Gott die Ehre geben wollen” oder “die Bibel als Richtschnur sehen wollen” alleine ist noch lange nicht genug. Steht das für sich selbst, kann es nur in Weltfremdheit, Beziehungslosigkeit führen; und damit letztendlich in Menschenverachtung und Gottferne (denn das geht nun einmal Hand in Hand).

Was also nun? Ja, sich an Sicherem, Altbe

Deuteronomium 7, 12-26

Abwehr, reine Abwehr meldet sich bei mir, wenn ich das lese. Völker vertilgen, Wohlstandsevangelium, elitäre Abgrenzung. Und es stimmt auch gar nicht. Meine beiden Katzen sind kastriert und damit sowas von unfruchtbar – in krassem Widerspruch zu Vers 14. Der Herr hat das Messer der Tierärztin nicht stumpf gemacht und auch sonst kein Heilungs- oder Nachwachswunder gewirkt.

Was nun, wie Paulus fragen würde? Ist das alles ungültig? Schnee von gestern? Oder lässt sich mit viel allegorisierender Arbeit noch ein menschenfreundlich-behütender Kern herausdestillieren, den man in feiner Dosis dem nach Weisung hungernden Jetztmenschen verabreichen kann, wohl bekommt’s?

Darauf habe ich in diesem Augenblick überhaupt keine Lust, denn ich bin stinksauer. Sauer auf den Typen (oder die Schule), der diese Verse verzapft hat und ernsthaft zu meinen scheint, das habe irgendetwas mit Gott und seinem Wesen zu tun. Sauer auf diejenigen, die im Namen des Herrn loszogen, um Völker zu ‘vertilgen’ – wie kann man so etwas auch nur in den Mund nehmen und sich gleichzeitig über angeblich primitive Menschenfresserrituale empören?

Sauer vor allem auf diejenigen, die heute noch rechtschaffen nicken und etwas von “besseren Zeiten” murmeln, wenn sie diese Verse lesen; die daran festhalten, dass das alles Wort für Wort verbal inspiriert ist; die hier und an anderen Stellen Menschenrechte und Mitmenschlichkeit mit Füßen treten, das Prinzip über die Beziehung stellen, die lieber dem Buchstaben folgend aus ihrer Mitte ausrotten, anstatt sich die Mühe zu machen, etwas oder jemanden an sich heranzulassen.

Warum lässt Gott DAS zu?

5. Mose (Dtn) 7, 1-11

Es bleibt noch ein wenig befremdlich anmutend. Hier wird gnadenloser Völkermord und Religionskrieg angekündigt. Von der Bonsai-Nation zwischen den großen Nationen drumherum.

Jetzt könnte man sich auf den Konjunktiv zurückziehen. “WENN” dich der Herr dein Gott ins Land bringt und (ER) die Völker ausrottet. Das macht Gottes Rolle nicht weniger eigenartig, würde aber zumindest den Aufforderungscharakter, sich selbst ins Gemetzel zu stürzen relativieren.

Aber so ist es ja nicht gemeint. Die nachfolgenden Verse geben dem Volk Israel ja einen konkreten Bann- und Vollstreckungsauftrag mit.

Wie also interpretiere ich den Abschnitt richtig, wenn gilt:

1.) Gott ist immer dergleiche.

2.) Gott ist Schöpfer und Erhalter allen Lebens.

3.) Gott ist Liebe und will, dass alle Menschen im Vollsinn “leben”.

???

Ein nationales Assimilationsverbot kommt mir aus heutiger Sicht eigenartig vor, ist aber noch das Nachvollziehbarste und Harmloseste, zu was der Text auffordert.

Was mir hilft, ist das Bewusstmachen von zwei Dingen. Erstens sind die Texte des Alten Testaments Glaubenszeugnisse aus dem Leben eines Volkes mit ihrem Gott. Somit sind sie auch immer Auseinandersetzung mit der vorfindlichen gesellschaftlich-historischen Situation mit einer klaren religiösen Interpretation.

Das Volk Israel befindet sich im Krieg und gewinnt diverse Schlachten: Gott hat vor ihnen her den Weg bereitet und andere Völker ausradiert. An anderer Stelle werden freilich auch Schlachten verloren: Das ist dann eben eine Strafe für Übertretungen der Ordnung Gottes.

Zweitens: Gott offenbart sich und sein Wesen im Alltag seiner Menschen. Diese Offenbarung geschieht schrittweise und begrenzt. Wären sie vollkommen und würden Sie sein Wesen umfassend und unmissverständlich zeigen, bräuchte es keine Menschwerdung Gottes in Christus. Die Zeugnisse dieser vorläufigen Offenbarung Gottes sind die historischen Reflexionen, wie sie uns in den Schriften des Alten Testamentes überliefert sind.

Ergo: Nicht die Methoden und Handlungen des Volkes Israels in der Landnahmezeit offenbaren das Wesen Gottes, sondern die Motive und Absichtigen tun dies.

Ein relativ kleines Volk geht seinen Weg inmitten einer Übermacht von anderen Völkern. Dabei schaut Israel auf einen Zuspruch Gottes, statt sich auf die eigene Macht und sein militärisches Potential zu verlassen. Es lässt sich von den gesellschaftlichen Konventionen und contemporären Gepflogenheiten nicht beeinflussen, sondern lässt den Fokus (tendentiell, weil menschlich relativiert) auf Gott.

Erkenntnis des Tages: Es gibt (immernoch) keinen gerechten Krieg. Ich persönlich zähle Krieg mit zu den “Dahingegebenheiten” die Paulus in Rö 1, 24f beschreibt.  Sie erscheinen in einer Zeit als “normal”, erweisen sich aber langfristig als narzistisch und wenig zielführend. Gleichwohl stellt Gott sich zu seinen Menschen und erweist sich auch in langfristig besehen u.U. sehr fragwürdigen Methoden oder Strategien.

Die das Vordergründige überdauernde Botschaft aus Dtn 7, 1-11 ist für mich: “Verliere Gott niemals aus dem Blick. Vertraue seiner Gegenwart. Rechne mit seiner Existenz in deinem Leben”.

Nicht mehr. Und nicht weniger!

Deuteronomium 6, 10-25

Die Geschichte Israels ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Aber mal ehrlich, es waren auch andere Zeiten. Das werden selbst die krasseren Fundis in diesem Fall zugeben. Man kann den Text heutzutage kaum noch 1 zu 1 lesen – ohne etwas Allegorese wird’s hier nicht abgehen können.

Der Gott, der damals vor Israel herzog, die Kanaaniterinnen und Kanaaniter mit Feuer und Schwert ausrottete, der eifersüchtig jede Übertretung mit der Standardstrafe ‘Tod’ sanktionierte -was hat das mit uns zu tun? Die Todesstrafe gibt’s nur noch in Hessen, den USA und Saudi-Arabien, religiöse Krieger mit Bart lassen wir von unseren Waffenbrüdern bombadieren, weil sie uns Angst machen, und wenn die Erde bebt und Menschen in Erdspalten verschwinden, rufen wir nichts mehr von ‘Strafe Gottes’ [außer der hier], sondern sammeln für die Übriggebliebenen.

Der garstige Graben der Geschichte wirft seine Schatten. Wie überwinden wir ihn?

Am Besten, indem wir es halten wie in der zweiten Textpassage: Wenn uns jemand Fragen stellt (so das überhaupt noch geschieht), erzählen wir eine Geschichte. Wir erzählen davon, wie Gott in unser Leben eingegriffen hat, wie er auch heute noch handelt, warum er das tut.

Das immerhin verbindet Damals und Heute.

Dtn 4,15-24

Wat für bekloppte Nasen das damals doch gewesen sind. Religion vor 3000 (?) Jahren war ja doch ganz schön einfältig: Man schnitzt sich einen – ja warum nicht – Holzigel und stellt ihn auf einen Altar und bittet ihn z.B. darum die Ernte gut werden zu lassen. Und wenn man nicht schnitzen konnte, musste ein Planet herhalten. Irgendwas hat man schon zum Anbeten gefunden…

Heute sind wir aufgeklärter. Wir wissen, dass Gott sich nicht in eine Form pressen lässt. Dass er sich immer wieder neu erfahrbar machen lässt. Deshalb muss sich ja Kirche immer wandeln, um diesem souveränem Gott “gerecht” werden zu können.Wir haben es nicht nötig uns an Traditionen zu hängen und sind bereit und offen uns ständig auf etwas Neues einzulassen. Dachte ich zumindest…

Neulich habe ich mal wieder Löwenzahn gesehen – und ich war geschockt. Statt der altbekannten, wunderbaren Löwenzahn Melodie hörte ich eine aufgepeppte, schmissige, poppigere Version. Auch der Zeichentrickvorspann war verändert worden in eine digitale, wahrscheinlich zeitgemäßere Form. Nein! das war nicht mein Löwenzahn. Enttäuscht schaltete ich um und trauerte der guten alten Zeit nach.

Upps. Ich musste an manche Senioren in meiner Gemeinde denken, die nicht so richtig mitkamen mit neuer Musik und neuen Gottesdienstformen. Und konnte sie plötzlich – verstehen.

Vielleicht bin ich doch nicht so auf- und abgeklärt. Wer weiß, wie ich später reagiere – wenn der Gottesdienst so ganz anders sein soll. Um so wichtiger wird dieser alte Text. Denn ich bin wohl auch ganz schön bekloppt und mache mir gern Bilder von Gott, versuche ihn in Formen zu gießen – ihn verfügbar zu machen.

Mein Gebet: Gott – brich die Macht der Götzen und Bilder die wir uns von dir machen. Ich will mich überraschen lassen, wo und in wem ich dich heute entdecke.

Regeln mit Vision…

Dtn 4, 1-14

Zunächst das Wichtigste: Herrlich, wie hier die Gebote eingeführt werden. Nicht eine vermeintliche “Enttäuschung einer Gottheit” oder das stumpfe “gehorsam sein” soll die Einhaltung der Gebote sicher stellen bzw. sie begründen, sondern eine visionäre Vorausschau. Menschen werden begeistert sein über den breiten Horizont und die heilsame Wirkung der Gebote. Die Regeln sind keine Last, sondern ein Betriebssystem. Ein Anwenderfreundliches und zuverlässiges.

So gesehen liegt auch auf der Hand, warum dieser Bestand genau so erhalten werden soll. Es braucht nicht mehr und auch nicht weniger.

Geklappt hat das zu keinen Zeiten. Es ist eine einsam mahnende Stimme in der Wüste, die es mit dem Dekalog genug sein lassen will.

Und es sind immer beste Absichten, (falsch verstandene) Ehrfurcht und tiefer Ausdruck der menschlichen Natur, die dann doch noch “Ergänzungslieferungen” in Sachen Regeln und Vorschriften hervorbringen.

Das eine mal soll die Form der Verschriftlichung heilig gesprochen werden, das andere Mal schon die Gefahr des Übertretens durch weiträumige Umleitungen vermieden werden. Mal erheben wir Prozessabläufe und Annahmeriten zu vorgegebenen “Must-haves”, ein anderes Mal definieren wir 1000 Indizien dafür, dass wir uns zwar formal korrekt verhalten, es aber nicht ernst genug meinen, nicht mit reinem Herzen agieren oder unser richtiges Handeln mit sonst einer mit Adjektiv versehenen Wortkonstruktion relativieren.

Erkenntnis des Tages: Gebote machen einen Sinn. Sie sind dann gut und genug, wenn ihre Absicht hindurchleuchtet und sich die Weisheit dahinter auch für “Außenstehende” erkennen lässt.  Nicht mehr und nicht weniger.

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